Im ersten Teil des Interviews mit Lenore und Eberhard Tschök haben wir die Vergangenheit ein wenig beleuchtet. Nun interessiert uns, warum die 20 Jahre zurückliegende Entführung des kleinen Felix in Dresden wieder in den Medien ist.

Warum ist der Fall „Wo ist Felix?“ derzeit wieder so aktuell?

Wir wollen wissen, wo Felix lebt und wie es ihm geht. Die gegenwärtige Aktualität ergibt sich aus der Achse Putin – Dresden. Herr Putin war ab März 1985 als KGB-Mitarbeiter in Dresden eingesetzt. Er erlebte also den Höhepunkt der Ermittlungen hautnah. Heute ist er der russische Staatschef undhat die Möglichkeiten, den Fall klären zu lassen. Wir haben alles darangesetzt, dass gerade zum Staatsbesuch von Herrn Putin in Dresden der Fall ganzaktuell ist. Fast jede Zeitung hat berichtet und sogar in den Tagesthemen am 09.10. waren wir präsent.

Unser Ziel für Anfang Oktober 2006 war erreicht. Jetzt heißt es dranbleiben. Nur mit dem nötigen Druck werden wir unser Zielerreichen. Das Bundeskanzleramt weiß, wie ernst es uns ist. Es handelt sich nicht nur um ein Kapitalverbrechen, es handelt sich um ein Kapital verbrechen mit politischem Hintergrund. Deshalb kann die Klärung auch nur auf politischem Wege erfolgen und deshalb fordern wir vollen Einsatz unserer Bundeskanzlerin. Leider hat Frau Merkel es zum Petersburger Gespräch am 10.10.06 in Dresden nicht fertig gebracht, mit Herrn Putin darüber zu sprechen und Ihn aufzufordern, eine Klärung herbeizuführen.

Frau Merkel hat unser Plakat sehr wohl wahrgenommen, es aber nicht einmal für erforderlich gehalten, einen Schritt auf uns zuzumachen. Nein, ganz im Gegenteil, sie wendete sich ab. Das hat uns sehr traurig gestimmt und wir wissen nicht, wie ernst wir genommen werden.

Sie haben eine Internetseite eingerichtet in der Sie über den Tag des Verschwinden und weitere Hintergründe informieren, haben Sie aufgrund der Informationen die Sie dort geben schonweitere Anhaltspunkte erhalten?

Leider nicht.

Was ist aus dem russischen Jungen geworden?

Er wurde 1985 adoptiert und ist ein Deutscher geworden. Er hat einen Beruf erlernt und lebt ohne gesundheitliche Probleme in einersächsischen Kleinstadt.

Sie haben in den letzten Jahren sicherlich viel recherchiert, haben Sie eine Vermutung über die Gründe des Verschwindens von Felix?

Wir vermuten, dass die Mutter des ausgesetzten Kindes den Gesundheitszustand ihres Kindes falsch eingeschätzt hat. Vielleicht glaubte sie, dass ihr Kind in der russischen Heimat nicht diese gute medizinische Betreuung haben wird. Sie dachte, ihr Sohn sei schwer krank. Sie wollte den Verwandten in der Heimat ein gesundes Kind präsentieren und hat einfach unseren Felix mitgenommen.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten mit einer Person Ihrer Wahl (abgesehen von Ihrem Sohn Felix) zu sprechen, wer würde das sein und was würden Sie von dieser Person wissen wollen?

Wir würden mit Herrn Putin sprechen wollen und Ihn direkt in unserer ureigensten Sache fragen.

Woran liegt es in Ihren Augen, dass die Ermittlungen in Ihrem Fall nicht vorangehen?

Weil es sich nicht um eine normale Straftat handelt, sondern um ein Politikum. Weil es nach unserem Gefühl auf der russischen Seite genügend Kräfte gibt, die immer noch in der Lage sind, die Aufklärung, die so leicht sein könnte, mit allen Mitteln zu verhindern.

Warum denken Sie sollte jemand Interesse an der Behinderung der Ermittlungen Interesse haben?

Da gibt es alte und neue Gründe. Zu DDR-Zeiten hatte die Deutsch-Sowjetische-Freundschaft in beiden Ländern einen hohen Stellenwert und da durfte natürlich kein schlechtes Licht auf die „Befreier“ fallen. Heute hat sich dazu nicht viel geändert. Wir gehen auch davon aus, dass die Täter noch zum schützenswerten Personenkreis gehören. Deshalb ist auch nur eine Klärung auf höchster politischer Ebene mit dem dazugehörigen Engagement notwendig!

Das war der zweite Teil des Interviews mit den Elterrn des vermissten Felix Tschök. Den dritten und letzten Teil des Interviews werden wir in den nächsten Tagen veröffentlichen.