Wir hatten Anfang März von dem Fall des 1984 in Dresden verschwundenen Felix Tschök berichtet. Mittlerweile verzeichnen wir auf diesen Beitrag enorme Zugriffe. Da das Interesse scheinbar groß ist, haben wir uns mit Lenore und Eberhard Tschök in Verbindung gesetzt und sie um ein Interview gebeten. Das Interview werden wir hier im Blog in drei Teilen veröffentlichen.

Vor mehr als 20 Jahren ist Ihr Sohn Felix in Dresden verschwunden. Gab es zwischenzeitlich ruhige Momente in denen Sie ihr Leben halbwegs normal führen konnten?

Wir sind etwa nach einem halben Jahr zu der Erkenntnis gekommen, dass die Kriminalpolizei trotz intensivster Ermittlungsarbeit wohl keinen Erfolg bei der Suche nach unserem Sohn Felix haben wird. Wir haben damals sehr schnell versucht, ganz normal weiterzuleben, diesen Schicksalsschlag als einen Teil unseres Lebens zu akzeptieren und auf gar keinen Fall daran zu Grunde zu gehen. So entschieden wir uns auch sehr schnell für weitere Kinder.

Die Geschwister von Felix kamen im Sommer 1986 und im Sommer 1988 zu Welt. Sie haben uns viel Freude gemacht und uns geholfen, den Schmerz des Verlustes zu mildern. In diesem Sinne hatten wir viele schöne Jahre, in denen unser Leben vollkommen normal verlief. In dem Maße, in dem Fabian und Nadja unsere Führsorge und Unterstützung weniger benötigten, rückte Felix wieder in den Mittelpunkt unserer Gedanken. Das wird nun so lange so bleiben, bis wir wissen, was aus ihm geworden ist.

Wenige Tage nach dem Verschwinden Ihres Kindes wurde ein fast gleichaltriger russischer Junge gefunden, der mit Felix in Verbindung gebracht werden konnte. Ist es in der Vergangenheit nicht möglich gewesen die Herkunft dieses Jungen zu ermitteln?

Das Findelkind, er hört auf den Namen „Martin“, ist die Spur in unserem Fall. Da lebt ein fast 23-jähriger junger Mann in Sachsen und keiner vermisst ihn! Wir sind der festen Überzeugung – Staatsanwalt und Polizei genauso, dass Felix in der Identität des Findelkindes lebt. Alle Spuren führen nach Russland.

Wenn wir die wahre Identität von Martin aufdecken, haben wir Felix gefunden. Warum kennen wir diese Identität noch immer nicht? Bei der Durchsicht der Ermittlungsakten von 1984/85, das waren mehr als 10 Umzugskartons, ist unverkennbar, dass die von den DDR-Behörden um Auskunft gebetenen sowjetischen Dienststellen in der DDR an den entscheidenden Stellen nicht die vollständigen Informationen gegeben haben. Man kann auch sagen: Sie haben gemauert. Beispiele als Beleg hierfür gibt es ausreichend und auch die Ermittler von damals haben damals mit den Zähnen geknirscht und sagen heute, dass sie sich verschaukelt vorkamen. Wir haben das alles erst im Verlaufe der Zeit und detailliert mit dem Aktenstudium ab 2001 erfahren.

Wir wissen, dass wir nicht die Nadel im Heuhaufen suchen. Es gibt viele Anhaltspunkte und Spuren, denen es nur nachzugehen gilt. Doch genau das ist der Punkt. Genau dort, wo die Aufklärung lauert, wird von entscheidenden russischen Stellen blockiert. Das ist für uns nicht zu ertragen. Es handelt sich hier keinesfalls um das perfekte Verbrechen!

Wie hatten Sie damals von dem russischen Findelkind das in Dresden gefunden wurde, erfahren und was haben Sie in diesem Moment gedacht und gefühlt?

Wir waren mit Erlaubnis der Sonderkommission für ein Wochenende zu Felix Großeltern gefahren. Dort erreichte uns über einen Umweg (nur der Onkel von Felix` Mutti hatte Telefon) die Bitte der Polizei, mit dem nächsten Zug nach Dresden zu kommen.

Als wir in Dresden ankamen wurden wir vonder Polizei am Bahnhof abgeholt und fuhren sofort zu unserer Wohnung. Unterwegs hat man uns von dem Findelkind erzählt und das es nicht Felix ist, genaueres wussten die Kriminalisten selbst noch nicht. Die Hoffnung war nur sehr kurz und das Gefühl der Hilflosigkeit blieb.

Gab es nach der Tat Situationen in Ihrem Leben, wo Sie einen Jungen gesehen haben und glaubten, dass es Felix sein könnte?

Wir sind der festen Überzeugung, dass Felix nicht in unserer Nähe lebt. Sicherlich gab und gibt es Situationen, wo wir junge Männer sehen und uns vorstellen können, dass er vielleicht so ähnlich aussehen könnte.

Derzeit ist das Verschwinden Ihres Sohnes wieder in den Medien präsent wie oft waren Sie seit 1984 in der Presse um öffentlich darauf aufmerksam zu machen und welche Kreise hat das „Verschwinden von FelixTschök“ gezogen?

Erstmals hat die Bild-Zeitung den Fall 1993 wieder aufgegriffen. Danach haben sich mal die Sächsische Zeitung und die Dresdner Morgenpost mit dem Thema beschäftigt. Kreise haben diese Veröffentlichungen aber nie gezogen. Der Fall Felix hatte bis dato keinen konkreten Namen und er bekam erst ein richtiges Gesicht, als wir im November 2005 mit unserem Namen in die Öffentlichkeit traten. Bis dahin glaubten wir, auch ohne die Öffentlichkeit unseren Sohn zu finden. Das war ein Trugschluss.

Die MDR-Reihe „Exakt“ brachte uns damals in Wort und Bild und mit vollständigem Namen. Auch das blieb folgenlos. Erst der Besuch von Herrn Putin am 10. Oktober brachte die Presse und das Fernsehen in Fahrt. Wesentlich auslösendes Element war eine Reuters-Meldung vom 06.10.06. Wer jetzt bei Google als Suchbegriff „Felix Tschök“ eingibt, wird weltweit fündig.

Zudem haben wir für die BBC in Bosten ein Rundfunkinterview gegeben, das USA-weit ausgestrahlt worden ist und von BBC-London für die Sendung „Europa Today“ noch einmal eingesetzt wurde. Dieses mediale Interesse ist nötig, damit die Bundesregierung nun endlich handeln wird. Es gilt schließlich das Schicksal eines seit fast 22 Jahren vermissten Staatsangehörigen zu klären.

Soviel erst einmal zum ersten Teil des Interviews mit Lenore und Eberhard Tschök. Den zweiten Teil des Interviews werden wir in den nächsten Tagen hier veröffentlichen. Familie Tschök hat eine Webseite ins Internet gestellt, auf der alle Informationen zur Entführung von Felix in Dresden noch einmal nachgelesen werden können: www.wo-ist-felix.de