Vor etwas mehr als zwei Jahren durften die Berliner jubeln, nach wochenlanger Qual einigte sich die Gewerkschaft ver.di mit der BVG auf einen neuen Tarifvertrag. Erinnerungen an diese Zeit gibt es genug hier im Blog. Die Berliner mussten viele Wochen auf Busse, Straßenbahnen und U-Bahnen verzichten. Das hieß auch, jeden Tag für Berliner Streß und Aufregung auf dem Weg von und zur Arbeit. Auch für Berlin-Besucher hieß es damals ebenso, ausschließlich die S-Bahn oder den Regionalverkehr zu benutzen. Das ist anscheinend das Gute am Berliner Verkehrsnetz: Denn S-Bahn und Regionalverkehr gehören der Bahntochter S-Bahn Berlin GmbH, dem gegenüber stehen die Berliner Vekehrsbetriebe (BVG) mit U-Bahn, Straßenbahn und Bussen. So hatten man zur Streikzeit wenigstens noch ein Verkehrsmittel, auf das man zurückgreifen konnte. Und ich glaube, jeder, der damals betroffen war, hatte gehofft, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Doch nun ist es soweit.

Denn seit knapp zwei Wochen, seit dem 30. Juni 2009, gibt es leider eine ähnliche Situation in Berlin (und Umland). Aber dieses Mal ist die S-Bahn betroffen. Es wird zwar nicht gestreikt, aber das Ausmaß der Einschränkungen ist enorm. Aber alles der Reihe nach.

S-Bahn in Berlin
Berliner S-Bahn der Baureihe 485

Tatort Berlin-Kaulsdorf am 1. Mai 2009: Ein S-Bahnzug der Baureihe 481 entgleist. Als Ursache wird eine gebrochene Radscheibe festgestellt. Die S-Bahn zieht daraus die Konsequenz und gibt in einer Selbstverpflichtung bekannt, die Räder der Wagen aus der Baureihe 481/482 alle sieben Tage zu überprüfen und zudem alle vorderen Räder dieser Zuggruppen mit mehr als 650 000 Kilometern (normal wären 1,2 Mio.) Laufleistung auszuwechseln. Die Verpflichtung galt in Absprache mit dem Eisenbahn-Bundesamt (EBA). Es werden für die Werkstätten Grünau und Wansee ca. 1500 neue Räder bestellt. Die Werkstätten erhalten zusätzliches Personal, denn auch die regulären Kontrollen der Bahnen muss ja weitergeführt werden.

Juni 2009: Ein enormes Austauschprogramm beginnt. Das Ziel: 280 Viertelzüge (Eine Standard S-Bahnzug besteht aus 4 Viertelzügen = 8 Wagen) müssen nach und nach in die Werkstatt, um insgesamt 560 Räder mit den besagten Laufleistungen zu erstzen und zu prüfen. Auf den Linien S1 und S2 (Nord-Süd-Verbindung) verkehren nur noch Züge mit sechs statt mit acht Wagen.

Wochenende 27./28. Juni 2009: Es werden weitere 50 Viertelzüge der 481er Baureihe aus dem Verkehr gezogen. Zu Wochenbeginn würden die Berliner diese Maßnahme auch auf anderen Linien spüren.

Montag, 29. Juni 2009: Das Einsenbahnbundesamt zieht die Notbremse – quasi “platzt die Bombe”. Die Selbstverpflichtung der S-Bahn wurde anscheinend nicht eingehalten. Die Räder der am Wochenende aus dem Verkehr gezogenen Züge wiesen teilweise Laufleistungen von mehr als 1,2 Mio. Kilometern auf! Auch die 7-Tage-Regelung wurde laut EBA von der S-Bahn nicht eingehalten! Am Abend erlässt das EBA eine Verfügung, dass alle Zuggruppen, deren letzte Prüfung mehr als 7 Tage zurückliegt, nicht mehr eingesetzt werden dürfen. 150 Viertelzüge sind davon betroffen.

Dienstag, 30. Juni 2009: Zunächst hieß es, dass es an diesem Tag nur ein eingeschränktes Angebot bei der S-Bahn gibt. Doch mittlerweile hält dieser Zustand zwei Wochen an. Außer der Ringbahn fahren die meisten Linien der Berliner S-Bahn weiterhin nur alle 20 Minuten und tweilweise auch nicht ihre gewohnte komplette Strecke.

Für die Berliner und Touristen heißt das: Volle Züge, längere Wartezeiten, Verspätungen, Ausfälle und mehr Umsteigen. Glücklich kann sich da schätzen, wer auf die U-Bahn umsteigen kann, denn die fährt regulär.

Bahnsteig S-Bahn
Wartende Fahrgäste am Bahnhof Berlin Alexanderplatz

Montag, 13. Juli 2009: Die Berliner S-Bahn hat einen Notfahrplan bereitgstellt, der vorläufig bis Ende Juli gilt.

Sicher ist aber, glaubt man den Medien, dass die Stlrungen im S-Bahnverkehr noch bin in den Herbst hinein andauern werden. Der Super-GAU für Berlin, wenn man bedenkt, dass nun die Ferien beginnen und die Stadt sicher noch mehr von Touristen heimgesucht wird und nicht zu vergessen, wenn man an die Leichtathletik-Weltmeisterschaft Ende August denkt. Die U-Bahn alleine kann den Ansturm zum Olympiastadion sicher nicht bewältigen. Wenn da noch die S-Bahn Probleme macht, schaded es ungemein dem weltweitem guten Ruf des Berliner Verkehrssystems. Wobei der Ruf der S-Bahn nun eh schon ruiniert ist.

Entschödigungen für Kunden: Eine erste Maßnahme der S-Bahn ist die Bekanntgabe von Entschädigungen. So dürfen direkte S-Bahn-Abonenten, deren Abo noch im Dezember 2009 gültig ist, einen Monat kostenlos fahren. Doch schon kommen die Kritiker hervor und zweifeln zurecht an der Gerechtigkeit dieser Maßnahme: Immerhin kaufen viele ihre Monatskarte am Automaten und hätten von dieser Reglung nichts.

Berliner S-Bahn
Die Baureihe 481 – nach dem Radbruch in Kaulsdorf unter besonderer Beobachtung.

Inzwischen hat es auch weitere Konsequenzen gegeben: Denn alle vier Geschöftsfüher der S-Bahn Berlin mussten ihren Hut nehmen. Ein Gespräch zwischen dem regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit und dem Deutsche Bahn-Chef Rüdiger Grube am Montag (13.07.) brachte keine neuen Erkenntnisse, außer dass die Bahn alles daran setzen werden, den S-Bahnverkehr so schnell wie möglich wieder wie gewohnt anzubieten.

Ich persönlich kann nur hoffen, dass die S-Bahn wirklich schnellstmöglich alles tun wird, um erstens wieder den regulären Betrieb aufnehmen zu können. Und zweitens bin ich mir sicher, dass die Berliner und Tourirsten schnell wieder an die S-Bahn glauben, vorausgesetzt, die neue Führungskraft sorgt dafür, dass der in den letzten Jahren immer wieder ruinierte Ruf endlich verbessert wird. Von Schlagworten wie “Millionengewinne auf Kosten der Sicherheit” werde ich hier aber nicht schreiben.

Solltet ihr von der aktuellen Situation der S-Bahn betroffen sein, wünsche ich euch Durchhaltevermögen in den nächsten Wochen auf dem Weg zur Arbeit oder wohin auch immer euch die S-Bahn bringen soll.

Übrigens: Im Jahr 2007 gab es bei der Berliner U-Bahn angeordnete Untersuchungen an den Fahrzeugen der H-Züge (die modernen Züge im Großprofil). Damals waren Achsenprobleme die Ursache dafür, dass wochenlang verkürzte Züge und verlängerte Takte bei der Berliner U-Bahn auf der Tagesordnung standen.

In diesem Sinne: Gute Fahrt!

Quellen: www.bahninfo.de | Berliner Tageszeitungen und Radiosender

Update 16.07.2009

Die Situation bei der Berliner S-Bahn verschärft sich erneut: Ab Montag, 20.07.2009 wird der Zugverkehr teilweise dratisch eingeschränkt. Das Eisenbahn-Bundesamt hat der S-Bahn auferlegt, dass die Räder aller führenden Achsen von Zügen der Baureihe 481/482 bis spätestens 10. August ausgetauscht werden müssen. Für mindestens zweieinhalb Wochen besteht folgendes Angebot (wichtigste Änderungen):

  • Keine S-Bahnen zwischen Ostbahnhof und Zoologischer Garten (Umfahrung mit Regionalbahn)
  • Keine Verstärkerzüge auf den meisten Linien
  • S5 nur noch zwischen Mahlsdorf und Lichtenberg im 10-Minuten-Takt
  • S41/S42 Ringbahn fährt nur noch alle 10 Minuten
  • S45, S85 und S9 entfallen komplett
  • Keine S-Bahn S75 zwischen Springpfuhl-Wartenberg
  • S47/S8 stark eingeschränkt
  • Kein S-Bahnverkehr zwischen Adlershof und Flughaben Schönefeld, nur SEV
  • Auf vielen Linien werden die äußersten Streckenabschnitte nur mit SEV bedient (z.Bsp. Strausberg – Strausberg Nord)

Alle Angaben ohne Gewähr – mehr Infos auf der Homepage der S-Bahn Berlin GmbH.


Update 21.12.2009

Nachdem ich nun lange nichts zum Thema geschrieben habe, nun mal wieder ein Update.

Die letzten Wochen gab es ja immer wieder Negativschalgzeilen über die S-Bahn, dazu eine interessante Reportage in der ARD und nun stehen wir wieder an einem Punkt, wo man wieder ein Deja-vu bekommen kann.

Von abgekuppelten Zügen oder öffnenden Türen während will ich ja gar nicht reden. Aber nun ist Winter und anscheinend sind die Züge nicht für diese Jahreszeit gemacht. Denn es müssen erneut viele Wagen in der Werkstatt bleiben. Und so wird ab Dienstag, 21.12.2009 das Angebot erneut ausgedünnt (u.a. Ringabhn ganztägig nur noch alles 10 Minuten). Ob das an der mangelhaften Wartung der letzten Jahre liegt? Offiziell ist von “witterungsbedingten Fahrzeugstörungen” die Rede. Komisch, von der BVG hat man solche Töne noch nicht gehört…

Wenn man immer meint, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, wie viele Tode soll die Hoffnung denn im Falle der Berliner S-Bahn noch sterben…

In diesem Sinne eine angenehme Weihnachtszeit mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln euch allen…

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