Retter der vergessenen Teddys
Christa Junge hat schon über 500 Stoffbären gesammelt
VON DIRK BUNSEN
Ein Bad in der Teddymenge - Christa Junge genießt es.
Auf Flohmärkten, Dachböden oder in Großmutters Erinnerungskiste sucht Christa Junge am
liebsten, dort, wo die alten und "abgeliebten Teddys" ihr einsames und vergessenes
Dasein fristen. Sie aus dieser Verlassenheit zu befreien und zu sich zu
holen, hat die gebürtige Rangsdorferin, die seit vielen Jahren in Berlin
lebt, sich zur Herzensaufgabe gemacht. Jeder neuer Gast bekommt dann einen
speziellen Platz in ihrer Wohnung, wo mittlerweile weit über 500 Stoff-
oder Plüschteddys ihr neues Zuhause gefunden haben. Fast zwei Drittel
dieser Teddys sind 40 Jahre oder älter. Damit sucht sie in Berlin und
Brandenburg, abgesehen vom Wilmersdorfer Teddymuseum, ihresgleichen. Hinzu
kommen außerdem noch einmal rund 500 Bären aus Glas, Porzellan, Kunststoff oder Keramik.
"Meine Teddys leben mit mir und liegen nicht in irgendwelchen Kisten oder Schränken."
Christa Junge spricht begeistert aus, was ohnehin offensichtlich ist. Überall
in ihrer Vier-Raum-Wohnung drängeln sich die Stoff- und Plüschgefährten.
Im Flur ist ein ganzes Regal bis unter die Decke gefüllt, im Wohnraum
sitzen sie auf dem Sofa, den Fensterbrettern, in den Vitrinen und auf dem Fußboden,
im Schlafzimmer tummeln sie sich auf den Nachtschränkchen, den Sesseln und
auf dem Bett. Im Arbeitsraum quillt die Schlafcouch über und sogar im Bad
haben es sich zwei Teddys auf einem Hocker bequem gemacht.
"Ich habe heute nachgezählt und bin bei genau 546 angelangt", erzählt die 46-jährige Bären-Mutter.
"Wenn nur einer abhanden kommen würde, müsste ich heulen."
Die jeweils aktuelle Zahl darf ihr Mann Dietmar eigentlich nicht wissen,
"denn dann würde er merken, wie viele wieder hinzugekommen
sind". So richtig streng ist er allerdings doch nicht. "Manchmal sagt
er mir, wo er einen tollen alten Teddy entdeckt hat oder schenkt mir einen
zum Geburtstag. Ich soll es eben nur nicht übertreiben." Doch genau
das tut sie und kann nicht anders.
Ein Herz für die kranken Teddys, auch das hat Christa Junge.
Lieber trennt sie sich von einem der neueren Bären. Doch die alten
zu restaurieren ist sehr teuer.
Jeden Samstagmorgen fährt die gebürtige Rangsdorferin, die seit fast 40 Jahren in Berlin-Marzahn
wohnt, über die Flohmärkte. Dort, und nicht in den Kaufhäusern und Teddy-Shops, fühlt sie
sich am wohlsten, denn sie mag besonders "die alten und abgeliebten Stoffbären"
"jene, die vor 1960 gestopft und genäht wurden. Über 300 aus ihrer
Teddy-Familie stammen aus dieser Zeit. "Wenn ich aussortieren müsste,
würden immer die jüngeren dran glauben."
Christa Junge legt es keineswegs darauf an, einer immer größeren Stückzahl hinterher zu hetzen
und dies nicht nur, weil der Invalidenrentnerin das Geld dafür fehlt und
die Wohnung nur begrenzten Platz bietet, sondern vor allem, weil sie die
Teddys, die sie zu sich holt, auch gern haben muss, um sie anzunehmen. "Außerdem
geht es mir nicht um ein Sammelsurium, sondern um eine Sammlung mit all dem
Wissen um die Geschichte, die Art der Herstellung in der jeweiligen Zeit, um
die Materialien, Füllungen und die Produzenten. Ich muss eben anhand der
Augen, Nähte, Stimmen oder Füllstoffe auf das Alter schließen können.
"Und so ist bei ihr auch ein ganzes Regal mit Fachliteratur gefüllt,
unter anderem mit einem seltenen Exemplar von Margarete Steiffs "Teddy und
Verwandte reisen durch die Lande" von 1928.
Besonders wertvoll werden ihre Mitbewohner, wenn Christa Junge auch deren Lebensgeschichte kennt. Wie
die von "Teddy Herzke", der mittlerweile schlappe 80 Jahre alt ist,
einst mit einem, wenn auch heute bereits abgewetzten Mohair-Fell bekleidet
und mit einem Ja/Nein - Kopfnicken ausgerüstet wurde. Er fand von einer
Rentnerin den Weg zur Sammlerin. Die frühere Besitzerin lieferte eine
Kurzbiografie des "Yes/ No-Teddys" gleich mit. "1927/28 kam ich
zu einem kleinen Jungen, bei dem es mir sehr schlecht erging", schrieb
die alte Dame auf.
"Er zerrte an meinen Armen, riss an meinen Beinen und trat
auf meinen Bauch....
Zum Glück wurde ich nach kurzer Zeit an einen anderen, sehr netten Jungen verschenkt ..." Es
folgten Bomben, Ostpreußen, Erzgebirge, überfüllte Eisenbahnzüge und
schließlich Berlin. "Ich war sehr froh, dass die Mutti der Familie stets
dafür gesorgt hat, dass ich nicht verloren ging."
Einen Ehrenplatz bekommt auch "Teddy Max". Er wurde ihr im wahrsten Sinne des Wortes in die
Wiege gelegt. Seitdem leben sie zusammen. Doch dieser hat die
Sammelleidenschaft nicht ausgelöst. Erst kurz nach der Wende, als sie eine
Teddy - Liebhaberin kennen lernte, brach es in ihr auf. Von nun an gab es
kein Halten mehr. Hierbei geht sie durchaus akribisch vor. Jeder neue Teddy
wird mit Datum, Alter und vorherigem Besitzer genau registriert und auf
einem Foto festgehalten. Christa Junge, die vor ihrer schweren Rückenoperation
1986 in der EDV arbeitete hat nicht nur per Computer ihr Archiv angelegt,
sondern mit Christa@Junge-CDS-Berlin.de sogar eine eigene Homepage.
"Max" begleitet Christa Junge bereits ein Leben lang.
Ihn erhielt sie zu ihrer Geburt geschenkt.
Der Hang zum Aufbewahren und Sammeln entfaltete sich allerdings nicht erst mit den Bären. Bereits
als junges Mädchen begann sie Ende der 60er Jahre, als sie für längere
Zeit im Krankenhaus lag, mit dem Sammeln von Original - Autogrammen. Mit das
erste stammt von Marlene Dietrich. "Ihr habe ich einfach geschrieben und
tatsächlich eine Antwort bekommen", ist sie noch heute stolz. Die
Adressen von Rex Gildo, Roy Black, Heinz Rühmann oder Gerald Depardieu erfuhr sie aus
West-Zeitschriften, die ihr ihre Großmutter mitbrachte. Natürlich besitzt sie
auch den Namenszug fast der gesamten DDR-Prominenz, von Rolf Herricht über Armin-Müller Stahl
bis zu Lippi oder vielen Olympiasiegern. Über 2000 Signaturen hat sie inzwischen beieinander.
Nebenbei ist die seit vielen Jahren ehrenamtlich für die Volkssolidarität tätige Frau auch auf
der Suche nach Postkarten, vor allem mit Pferde-, Eulen, Leuchtturm- und natürlich
Bärenmotiven. Doch damit nicht genug. Seit vielen Jahren unterhält sie
insgesamt 60 Brieffreundschaften in
aller Welt, ob in fast ganz Europa, in Brasilien, Japan, Australien bis in die USA. Die Adressen erhält sie über den
Freundschaftsbriefclub. Viele Brieffreunde hat sie auch schon persönlich
kennen gelernt und führt darüber mit Fotos und Widmungen gestaltete
Erinnerungsbücher. Doch ihre jüngste Leidenschaft, die Liebe zu den
Teddys, steht zur Zeit im Mittelpunkt. So organisierte sie bereits eine Bärenausstellung im Wohngebiet und hält vor allem vor
Seniorengruppen die Geschichte der Teddys. Ein großer Traum hat sich
allerdings noch nicht erfüllt. "Ich suche einen Teddy auf vier Rädern,
etwas sehr seltenes.
Christa Junge ist für jedes vor allem kostenloses Angebot alter Bären, sowie Dia-Serien über
Teddys dankbar und unter 030/5648467 zu erreichen.
Aus: Märkischer Markt
Datum: 22./23.11.2000